Künstliche Intelligenz für das Gemeinwohl – aus der Perspektive der Verwaltung

Am 17. Juli wurden die Eckpunkte für eine Strategie Künstliche Intelligenz (KI) der Bundesregierung veröffentlicht. Neben der reinen, zugegebenermaßen faszinierenden Technik, stellt sich die Frage: Was hat die Allgemeinheit davon?

Das Eckpunktepapier ist Orientierungsrahmen für die bis zum November zu entwickelnden KI-Strategie. Ziel ist es, Deutschland zum weltweit führenden Standort für Künstliche Intelligenz zu entwickeln. Die öffentliche Verwaltung darf Künstliche Intelligenz nicht nur einsetzen, um sich die Arbeit zu erleichtern. Die Macher der Webseite https://algorithmenethik.de/ haben daher zu einer Blogparade aufgerufen:

Künstliche Intelligenz fürs Gemeinwohl?

Dieser Beitrag möchte die Sichtweise der kommunalen Verwaltung einnehmen. Was bring ein Einsatz von KI den Bürger_innen?

KI in Alltag und Verwaltung

Nahezu täglich werden wir daran erinnert, dass Künstliche Intelligenz (KI) ein integraler Bestandteil unseres Alltags ist: Selbstfahrende Autos werden erprobt und haben eine ethische Debatte ausgelöst. Personalauswahl soll durch KI gerechter werden. Werbung wird zielgerichteter geschaltet und Chat Bots unterstützen beim Kundenmanagement. Selbst beim Fernsehen während der Werbepause wird uns gezeigt, wie Alexa, Siri, Google Assistant und Co unsere Leben vereinfachen sollen. Der ein oder andere stellt fest, dass uns schon heute mehr Künstliche Intelligenz bzw. „intelligente Unterstützung“ umgibt, als uns vielleicht bewusst ist.

Wortsammlung zum Thema Künstliche Intelligenz in der Verwaltung

Künstliche Intelligenz in der Verwaltung

Bei der Frage, wie KI in der Verwaltung den Bürger_innen zugute kommt, ergeben sich vielfältige Einsatzbereiche: Mobilität in einer Millionenstadt wie München optimieren, Resilienz der städtischen Infrastruktur erhöhen und Betriebskosten reduzieren, Stadtentwicklung vereinfachen und transparent gestalten, E-Government an den Bedürfnissen der Kunden_innen ausrichten, Kommunikation zwischen Behörde und Kunden_innen verbessern. Im Folgenden erläutern wir einige Beispiele näher:

Smart City

Das Projekt Smarter Together arbeitet derzeit unter anderem an E-Mobilitätsstationen und intelligentem Parken. Die intelligente Auswertung von Daten und Informationen gekoppelt mit KI kann helfen, zu entscheiden, wo neue Stationen Sinn machen und wann Fahrräder und ggf. später autonome Transportmittel bereit stehen müssen, um die Bürger_innen von A nach B zu bringen. Die über Sensoren in den intelligenten Lichtmasten gesammelten Daten helfen einer Künstlichen Intelligenz, durch Verkehrssteuerung Staus zu vermeiden, den öffentlichen Nahverkehr zu entlasten oder weiterzuentwickeln. KI kann Bürger_innen auch vor dem Weg zur Arbeit, Schule oder Uni vorschlagen, welches Verkehrsmittel und welcher Weg der schnellste und/oder CO2-neutralste ist.

Sommerfest Lichtmasten

Sommerfest Lichtmasten

KI kann aber auch Stadtplanung unterstützen, das München von morgen zu entwickeln: Wo bedarf es Schulen und Kindergärten? Wo ist Bedarf für Ampeln, Fußgängerübergängen oder Parks? Wie viel Wohnraum braucht es in 20, 30 oder 50 Jahren? Wo muss die Verkehrsinfrastruktur ausgebaut werden?

Um den praktischen Beitrag zum Gemeinwohl noch deutlicher zu machen, ein Rückblick auf das Bar Camp #MucGov18. Ein Neunjähriger (!) hielt eine Session zu einem im Grunde simplen aber dadurch auch genialen Vorschlag: Die Geschwindigkeitsmessanlagen am Ortseingang oder an Schulen, die Auskunft über die gefahrene Geschwindigkeit geben, sind weit verbreitet. Wenn jemand zu schnell fährt, blinkt die Anzeige oder zeigt mit einem Smiley das Einhalten der vorgeschriebenen Geschwindigkeit an. Die Verwaltung könnte die von den Anlagen erfassten Daten sammeln, eine KI könnte diese auswerten und Hinweise geben, wo besonders gefährdete Bereiche bestehen. Gezielt könnten dann zum Beispiel bauliche Maßnahmen die Strecken „verlangsamen“. Ein wichtiger und effektiver Beitrag zur Verkehrssicherheit.

Daten für den Umweltschutz

Künstliche Intelligenz ist nur so gut, wie die Datenbasis. Ein Beitrag für das Gemeinwohl ist damit auch die Zurverfügungstellung offener Daten durch die Verwaltung. Hier besteht ein riesiges Potential, aus den Daten mittels KI Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.

Luftdaten.info

Screenshot von luftdaten.info vom 13. März 2018, 12:20 Uhr

Die intelligenten Lichtmasten erheben in diesem Zusammenhang auch Umweltdaten. Ergänzt mit weiteren Sensoren wie zum Beispiel zur Messung von Schadstoffen kann eine KI einen Beitrag zur Umwelt leisten und ein Umdenken in der Stadtgesellschaft unterstützen: Regelung zur Reduktion des Individualverkehrs, Empfehlungen für Bürger_innen zum Umgang mit Energie oder Tipps zum Schutz der Gesundheit.

Auch hier ein Beispiel: Auf dem HackaTUM 2018 programmierten Studierende eine App, die Bürger_innen spielerisch in einen Wettstreit treten lässt (Gamification), wer am meisten Energie einspart. Macht Spaß, schont die Umwelt und mach die Stadt „smarter“.

Aktive Verwaltung

In der Regel wird Verwaltung dann tätig, wenn Bürger_innen etwas beantragen: Personalausweis, Geburtsurkunde oder Meldebescheinigung. Aber die Behörden wissen doch, dass der Ausweis abläuft. Auch wenn jemand beispielsweise Bafög beantragt, sind Gehalt und Einkünfte bekannt. Bei Unterschreitung bestimmter Grenzen wären weitere Hilfen denkbar wie beispielsweise Wohngeld. Oder bei Antrag auf Geburtsurkunde könnte die Verwaltung auch bereits auf den Kinderreisepass oder Unterstützungsleistungen hinweisen. Wer neu nach München zieht und sich und seine Familie anmeldet, kann auch sofort Hinweise für das Anwohnerparken, Schulen und Kindergärten bekommen.

Serviceportal für Online-DiensteDie Rede ist von aktiver Verwaltung durch KI. Die Künstliche Intelligenz (er-)kennt Abhängigkeiten und Zusammenhänge, macht Vorschläge und hilft, dass Bürger_innen von vorhandenen Angeboten erfahren, um sie nutzen zu können. Ein wesentlicher Beitrag für Alle. Das neue Online-Service-Portal hat dafür die Weichen gestellt. Durch Lebenslagen werden die Angebote der Verwaltung bereits jetzt miteinander verknüpft. Der Einsatz künstlicher Intelligenz ist ein nächster Schritt um das Angebot noch zielgruppengerechter zu präsentieren. Die Verwaltung wird zum beratenden Assistent der Münchner_innen, Besucher_innen und Unternehmen.

Verwaltung rund um die Uhr

Während Bürger_innen bisher Suchmaschinen und Webseiten nach Zuständigkeiten innerhalb der Verwaltung durchsuchen oder am Telefon auf der Suche nach der/dem richtigen Ansprechpartner_in weiter verbunden werden, ist es mit Chat Bots möglich, die passende Antwort direkt zu erhalten.

Chat Bots dienen als Schnittstelle zwischen Informationen, Menschen und Maschinen. Sie übernehmen beispielsweise Terminverwaltung, Recherchen, Bestellungen und Beratung.  Chat Bots in der Verwaltung verstehen im Idealfall mehrere Sprachen, bieten barrierefreie Kommunikation und übersetzen das „Amtsdeutsch“. Ein Chat-Bot ermöglicht auch die direkte Abwicklung von Online-Services im Sinne des E-Governments durch die Frage-Antwort-Systematik und das 24 Stunden an 7 Tagen die Woche. Der Einsatz von KI bei Chat Bots erweitert die Wissensbasis und schafft echten Mehrwert für Bürger_innen. In München werden wir den Einsatz eines Chats Bots noch 2018 in einem Pilot-Projekt testen.

Bots nutzen Künstliche Intelligenz, Natural Laguage Processing und Deep Learing. Sie lernen aus Fehlern und dem Feedback der Nutzer_innen. Dadurch verbessern sie stetig ihre Antwort-Qualität. Neben dem Mehrwert für Bürger_innen lernt die Verwaltung, wo Angebote verbessert oder unverständliche Informationen umformuliert werden müssen. So können wir, als Mitarbeiter_innen der Stadtverwaltung, erkennen, was die Bürger_innen am häufigsten suchen und unser Angebot zielgerichtet und bürgernah optimieren und ausweiten.

Gemeinsam den Nutzen Künstlicher Intelligenz entdecken und fördern

Künstliche Intelligenz hat Potenzial und kann einen großen Mehrwert für die Gemeinschaft, für Arbeit und unser alltägliches Lebens bringen. Beim Thema KI ist es wichtig, den Mensch und dessen Wünsche stets in den Mittelpunkt zu stellen. Maßnahmen gegen Manipulation und Datenmissbrauchs sind zu entwickeln. Dafür müssen Eingriffsmöglichkeiten begrenzt und ein Verhaltenskodex formuliert werden.

Um die Nutzungsbereiche auszuweiten sind kreative Ideen und die Beteiligung aller gefragt. Eine Einbindung der Bürger_innen, der Wirtschaft und Politik ist wichtig, um ein akzeptiertes Zusammenleben zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz vorzubereiten. Ängste und Unsicherheiten sind ernstzunehmen und müssen besprochen werden. Dieser notwendige ethische, gesellschaftliche Dialog zum Einsatz und den Grenzen dieser (aber auch andere daraus abgeleiteter Technologien) ist objektiv und konstruktiv zu führen. Innovationswettbewerbe und Möglichkeiten, gemeinsam Ideen einzubringen und zu diskutieren, sind dafür geeignete Räume und müssen noch viel stärker ausgebaut werden. 

Auf unseren Bar Camps bringen wir dazu Bürger_innen und Beschäftigte der Verwaltung zusammen. Auch auf dem Future Camp diskutierten Nachwuchskräfte der Stadtverwaltung München künstliche Intelligenz in der Debatte über den Einsatz von Robotic Process Automation.

UPDATE 20. September:
Das Ergebnis der Blogparade mit weiteren spannenden Beiträgen kann man hier nachlesen: https://algorithmenethik.de/2018/09/18/auswertung-der-blogparade-eure-meinungen-und-ideen-zu-kuenstlicher-intelligenz-fuers-gemeinwohl/

Ein Meinungsbeitrag von Lisa Zech, Dr. Stefan Döring und Wolfgang Glock, Stabstelle E- und Open Government & Smart City

Team E- und Open-Government der Landeshauptstadt München

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